Schreib-Residency mit Karnik Gregorian: Sprechen, Zuhören und die Lebensgeschichten von «Gastarbeiterinnen»

Porträt eines 54-jährigen Mannes mit grauem Haar und warmen Blick, vor einem ornamentalen Gitter und heller Außenkulisse: Karnik Gregorian.

Was bleibt von einem Leben, über das kaum gesprochen wird? Zum Auftakt seiner Schreib-Residency* in der Monacensia folgt Karnik Gregorian den Spuren seiner früh verstorbenen Mutter. Ihre Geschichte führt ihn zu den wenig erzählten Biografien von «Gastarbeiterinnen» der ersten und zweiten Generation. In seinem persönlichen Essay stellt er zugleich ein Veranstaltungsprogramm vor, das Räume für Erinnerung, Austausch und Zuhören öffnet.

Ausgangspunkt ist das Schweigen in Gregorians eigener Familie. Erst im Schreiben und in Gesprächen mit seinen Geschwistern nähert er sich seiner Mutter an – und der Frage, wie persönliche Erinnerungen Teil eines gemeinsamen gesellschaftlichen Gedächtnisses werden können.

Über das Sprechen und Zuhören

Ich habe schon immer viel gesprochen. Eigentlich habe ich alle um mich herum vollgequatscht. Mir wurde als Kind auch Geld geboten, wenn ich nur für zehn Minuten aufhören würde zu sprechen. Das habe ich selbstverständlich nie angenommen. Ich hatte einfach Spaß daran, allen Menschen zu erzählen, was ich sah und dachte. Abgesehen davon war ich der Meinung, dass das, was ich zu sagen hatte, auch alle anderen interessieren müsste. Vielleicht bin ich deswegen Journalist geworden.

Damals haben in meiner Familie alle, zumindest die meisten, gerne und viel gesprochen. Ich habe auch immer gerne zugehört. Es gab träumerische Geschichten und viele hitzige Diskussionen. Ich war mit Abstand der Jüngste in meiner Familie, und die ist groß, da meine Cousins, Cousinen, Onkel und Tanten zum engeren Kreis gehören. Als Jüngster hatte ich außerdem einen Sonderstatus, konnte mir viel erlauben – zum Beispiel ständig zu reden. Alle mussten es ertragen. Ich habe mich noch nie bei meiner Familie dafür entschuldigt, eigentlich unverzeihlich, deshalb nutze ich dieses Forum dafür und weiß, sie lieben mich trotzdem:

Ich möchte mich für meinen ausdauernden und unerbittlichen Redefluss entschuldigen und danke euch allen für eure unglaubliche Geduld – Bachik.

Heute weiß ich, dass mein Reden einen Grund hatte. Es war meine Art, Aufmerksamkeit zu bekommen und das Schweigen in meiner Familie zu durchbrechen. Das Schweigen über das Familiendrama – den Tod meiner, unserer Mutter 1976. Sie starb an Krebs, welcher Krebs es gewesen ist, konnte nicht mehr festgestellt werden. Zuerst bekam sie eine falsche Diagnose und dementsprechend eine falsche Behandlung. Dann ging es schnell. Ich war damals vier und, wie schon erwähnt, das jüngste Familienmitglied. Meine Mutter war auch die Jüngste in der Familie mit sieben Geschwistern.

Ihr Tod war und ist bis heute das große Familiendrama, über das geschwiegen wird. Auch über ihr Leben wird kaum gesprochen. Nicht einmal ihr Name fällt. Ich habe noch Erinnerungen an meine Mutter, weiß aber nur sehr wenig über sie. Ihren Namen habe ich vielleicht zwei oder drei Mal ausgesprochen und es kam mir jedes Mal seltsam vor.

Ihr Name ist Mayram.

Das Foto zeigt Gregorians Mutter als junge Frau im Studio-Porträt, mit ernstem Blick, kurzer dunkler Frisur, schmaler Goldkette und heller Bluse
Karnik Gregorians Mutter © privat

Diese Vorgeschichte ist notwendig, um zu verstehen, womit ich mich während meiner Schreib-Residency in der Monacensia beschäftigen möchte:

  • das Leben meiner Mutter,
  • den Tod,
  • den Verlust und das Schweigen darüber in der Familie sowie
  • die Tabuisierung von Krankheiten.

Auf der Suche nach meiner Mutter stieß ich auf ein weiteres wichtiges Thema: Das Leben und Wirken von Frauen der ersten und zweiten Generation sogenannter «Gastarbeiterinnen», die viel zu wenig in Literatur und anderen Künsten vorkommen.

Auch meine Mutter gehörte dieser ersten Generation an. Sie kam als Armenierin aus Istanbul nach Giengen an der Brenz. In Istanbul gab es neben der Arbeit noch ein gesellschaftliches und kulturelles Leben – Tanzen, Kino, Musik, Theater usw. In Deutschland war das Leben auf die Arbeit, die Kinder und das Zurechtfinden in einer fremden Gesellschaft reduziert. Ihre Lebensträume haben die meisten Frauen der ersten Generation, so wie meine Mutter, hintangestellt. Sie waren oft gebildeter, als die meisten Deutschen dachten, waren auch politisch interessiert und konnten sich dennoch meist nur im Verborgenen mit anderen Menschen, die wie sie «zum Arbeiten» nach Deutschland gekommen sind, austauschen.

Das Leben meiner Mutter verbindet all diese Themen. Und vielleicht zeigt mir das Schweigen über sie auch, wie ich mich ihnen nähern kann: durch das gemeinsame Sprechen und Zuhören.

«Das geteilte Schweigen»

Mit dem Tod meiner Mutter kam das Schweigen in unsere Familie. Es verbietet die Erinnerungen und führt zu schlechter Laune, wenn diese einem doch einfallen, weil man damit allein gelassen ist. Also lässt man es immer mehr sein, bis man sich nicht mehr erinnern möchte. Mit der Zeit entsteht durch dieses innere Schweigen eine Leerstelle. Und weil diese schwer auszuhalten ist, entstehen neue Erzählungen, mit denen wir sie füllen. Darunter, fast nicht wahrnehmbar, aber zu spüren, bleibt trotzdem diese Leerstelle.

Ich habe lange gesagt: Meine Mutter fehlt mir nicht. Ich weiß ja nicht, wie es ist, eine Mutter zu haben. Wie soll ich etwas vermissen, das ich nicht kenne? Also kann sie mir nicht fehlen. Und wenn wir in der Schule etwas zum Muttertag gemacht haben, habe ich für den Vatertag gebastelt. Mittlerweile kenne ich andere Menschen, die es auch nur so verarbeiten konnten.

In meinem Dokumentarfilm «Die Gerichte meines Vaters» (2003) über meinen Vater konnte ich das erste und – Achtung, Spoiler! – letzte Mal mit ihm über meine Mutter sprechen. Danach hat er manchmal etwas über sie gesagt, aber es waren keine Gesprächsangebote. Immerhin: Die Gespräche brachten meinen Vater und mich näher, er wurde offener, erzählte mehr von sich.

Karnik als junger Mann und sein Vater im Gespräch in der Küche hinter einem traditionellen Brot-Gericht aus zerrupftem Brot, das mit Joghurt und zerlassener Butter geschichtet ist.
Aufnahme aus dem Dokumentarfilm «Die Gerichte meines Vaters»

Vor ein paar Jahren habe ich spontan angefangen, über meine Mutter zu schreiben, erst einmal über meine Erinnerungen an sie. Die ersten Seiten schrieben sich unerwartet leicht. Ich erzählte meinem Gegenüber, das ich selbst war, was ich sah und dachte. So wie früher, als ich meine Umgebung vollgequatscht habe. Ich hatte das Gefühl: Diese Leerstelle muss aus mir heraus und ersetzt werden. Ihren Platz muss eine neue Erzählung einnehmen: meine Auseinandersetzung mit ihrer Biografie, ihrem Tod, unserem Schmerz – und was das alles bei uns ausgelöst hat.

Plötzlich wurde das Schreiben schwieriger. Nicht, weil ich keine Erinnerungen mehr hatte. Sondern, weil es einseitig blieb. Ich hatte den Eindruck, meiner Mutter nicht gerecht werden zu können. Eine Frage hing über mir, die ich nicht beantworten konnte: Wie soll ich über jemanden schreiben, mit dem ich nicht mehr sprechen und dem ich damit auch nicht mehr zuhören kann? Einem Menschen, den ich kaum kannte, aber eng verbunden bin.

Es gibt kein Archiv mit ihren gesammelten Reden und Texten, keine Film- oder Audioaufnahmen, in denen sie von ihrem Leben erzählt. Aufhören über sie zu schreiben, wollte ich trotzdem nicht. Also bin ich auf die Suche nach ihr gegangen. Zuerst klassisch journalistisch in Texten über die Epochen, in denen sie gelebt hat, Orte, Ereignisse und Biografien anderer Frauen, die wie sie als sogenannte «Gastarbeiterinnen» in Deutschland gelebt haben. Und ich habe Menschen gefragt, die sie kannten – meine Geschwister, meine Familie. Dieses Sprechen und Zuhören war und ist eine neue Begegnung mit meiner Mutter. Damit hat es begonnen, das Schweigen in der Familie zu durchbrechen und die Leerstelle verschwinden zu lassen.

Mittlerweile ist das Schreiben über sie ein mehrstimmiger, innerer Dialog. Meistens mit mir selbst, den recherchierten Texten, mit meiner Familie, aber manchmal auch mit meiner Mutter.

Auch wenn das nicht einfach so entstanden ist: Ich habe angefangen, mit meiner Familie über meine Mutter zu sprechen. Deshalb habe ich meine Schwestern Margrit und Karen in die Monacensia eingeladen, um zu zeigen, wie und dass das geht. Zusammen führen wir ein Gespräch am Tisch, an dem das Publikum Platz nimmt, mitsprechen und zuhören kann. Dazu zeige ich Ausschnitte aus meinem Dokumentarfilm »Die Gerichte meines Vaters«, in denen ich mit meinem Vater zum ersten Mal über meine Mutter und sein Leben spreche. Ein Abend über das gemeinsame Sprechen und vor allem über das Zuhören.

Familiengeheimnisse erfragen

Das größte Geheimnis, das uns ein Leben lang begleitet, ist oft die eigene Familiengeschichte. In der eigenen Familie biografische Themen anzusprechen, ist erstaunlich schwierig. Vor allem, wenn es um Verluste, Scham oder belastende Ereignisse geht. Wer kann schon mit seinen Eltern oder anderen Verwandten über die eigene Familie sprechen, ohne damit ein Schweigen oder Konflikte zu verursachen?

Und wenn etwas bekannt ist, sind es meist nur Geschichten der Männer – Heldensagen, manchmal Verfehlungen. Die Frauen waren und sind halt einfach da. Was sie erlebt, gedacht, gefühlt haben? Keine Ahnung, ist doch meine Mutter, meine Oma, meine Tante, meine Cousine. Wer glaubt, dass sich das mit den Generationen X, Y, Z usw. geändert hat: Schön wär’s.

Die eigentliche Frage ist: Warum gibt es diese Familiengeheimnisse? Und was hat das mit mir zu tun? Ein naheliegender Grund, denke ich, ist: Wir haben es verlernt bzw. wir wissen nicht, wie wir so ein Gespräch beginnen sollen. Der Hauptgrund ist: Wer über seine Familie spricht, spricht über sich selbst. Muss sich mit sich selbst auseinandersetzen, Vorstellungen hinterfragen.

Familienfoto der Familie Gregorian mit der Mutter, Vater und den drei Kindern.
Letztes Familienfoto der Familie Gregorian mit der Mutter (c) privat.

Und es gibt leider auch ein erlerntes Schweigen. Ich habe die Rede von Michel Friedman gelesen, die er in Bayreuth anlässlich der 150 Jahre Wagner-Festspiele gehalten hat. Er spricht über die antisemitische Vergangenheit Richard Wagners, den Umgang der nachfolgenden Familiengenerationen damit, aber auch über die deutsche Gesellschaft, die geschwiegen hat und zum Teil immer noch schweigt. Zwei Absätze seiner großartigen Rede haben mich besonders ergriffen.

Mit der Familie sprechen – gefährlich. Wer als Kind nicht lernt, und wo lernt man es, wenn nicht in der Familie, dass Fragenstellen belohnt wird, dass Streiten Freude machen kann, wird als erwachsener Mensch statt Freude Angst vor dem Konflikt haben. (…) Ich bin überzeugt, dass Geschichte immer auch Familiengeschichte ist. Ohne Familiengeschichte kann man wissen und lernen. Aber nur mit der Familiengeschichte lernt man Empathie.

Empathie ist für mich eine Grundvoraussetzung unseres Zusammenlebens, ist Stärke und darf nie verloren gehen. Michel Friedman zeigt in seiner Rede auch, wie sich das Schweigen in der Familie auf die Gesellschaft überträgt und wozu es führt:

In der Wissenschaft ist der Begriff Erinnerungskultur eindeutig definiert: Drei Generationen sprechen miteinander über die Ereignisse, die die erste Generation erlebt und mitgestaltet hat. Sie erzählen es ihren Kindern, die wiederum ihren Kindern, die wiederum hören es durch ihre Großeltern noch einmal. Das kommunikative Gedächtnis verwandelt sich in ein kulturelles. Nehmen wir diese wissenschaftlichen Kriterien an, dann gibt es in Deutschland eine Erinnerungskultur: das schwarze Loch des Schweigens.

Ich bin Michel Friedman unendlich dankbar für seine gesamte Rede. Sie ist für mich auch ein Plädoyer für das gemeinsame Sprechen und Zuhören und dafür, Familiengeschichte nicht als Privatsache abzutun.

Es ist viel einfacher, als man denkt. Warum ich das behaupte? Das ist meine Erfahrung: Als Teenager habe ich als freier Mitarbeiter für meine Lokalzeitung gearbeitet, und meine liebsten Termine waren die, bei denen ich über Jubilar*innen schreiben durfte. Wer 75 Jahre alt wurde, bekam einen Einspalter auf der Lokalseite. Ich meldete mich immer freiwillig, nicht nur, weil es dann Kaffee und Kuchen gab, sondern, weil mir die Menschen ihre Lebensgeschichte erzählt haben. Es fiel mir leicht, Fragen nach ihrem Leben zu stellen. Und sie waren froh, dass jemand, ich, sie danach gefragt hat.

Als ich angefangen habe, meine Verwandten nach meiner Mutter zu befragen, war es genauso. Das war und ist für mich die größte Erkenntnis: Menschen wollen von sich, von ihrem Leben, ihren Träumen, Ängsten, den schönen und auch traurigen Momenten erzählen. Man muss sie nur fragen und zuhören!

Auch bei meinen Dokumentarfilmen und dokumentarischen Theaterprojekten gab und gibt es immer wieder Themen, über die die Protagonist*innen erst einmal nicht gerne sprechen. Mein Vater war ein extremes Beispiel dafür. Dennoch konnte ich mein Gegenüber immer dafür gewinnen zu erzählen; durch journalistische Interviewtechniken und weil ich ein echtes Interesse an ihnen, ihren Geschichten und Ansichten habe. Denn ein gutes Interview oder ein Gespräch in der Familie über schwierige Themen zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass man zuhört. Denn daraus entsteht die nächste Frage. Nicht das, was man sich vorher an Fragen ausgedacht hat.

Wie kann man mit Angehörigen über die Vergangenheit sprechen? Welche Fragen öffnen Erinnerungen, welche bleiben unausgesprochen? Ich lade alle Interessierten zum Workshop «Familiengeschichten erfragen» in die Monacensia ein, sich den eigenen Familiengeschichten anzunähern und Wege des Erzählens zu erkunden. Ich zeige Techniken, teile Erfahrungen, und wir probieren es gemeinsam aus.

Es wurden Gastarbeiterinnen gerufen, doch es kamen Frauen an!

Wenn es um gesellschaftliche Ereignisse oder Entwicklungen geht, kommen die Perspektiven der Frauen leider oft nicht vor. Das vermeidet in der folgenden Aufzählung zwar konstruierte Kontroversen um das Gendern – ist aber ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft. Denn es geht um den Gastarbeiter, den Wissenschaftler mit der genialen Idee, den Migranten, den Soldaten im Zweiten Weltkrieg, den Deutschen, der Deutschland wieder aufgebaut hat, Techbros usw.

Auch mir ist das leider erst durch die Beschäftigung mit dem Leben meiner Mutter klar geworden: Es gibt sehr wenige öffentliche Dokumentationen über die Biografien von Frauen der ersten und zweiten Generation sogenannter »Gastarbeiterinnen«. Die Monacensia macht mit ihrem Kulturerbeprojekt #FemaleHeritage das literarische Erbe von Frauen und FLINTAs sichtbar.

Ich möchte das Leben von Frauen mit einer migrantischen Biografie sichtbar machen, die erst zum Arbeiten nach Deutschland gekommen sind und dann ihr ganzes Leben hier verbracht haben. Ich möchte suchen und finden, wie sie gelebt und hier gewirkt haben. Wie die deutsche Gesellschaft sie behandelte und dieser Umgang sie geprägt hat.

Ich möchte auch zeigen, wie die Frauen sich selbst ermächtigt haben, gegen alle Widerstände. Denn ihr feministischer Kampf um Gleichberechtigung, gegen Rassismus und Misogynie und für die Sichtbarmachung ihrer Lebensrealitäten wurde bislang nur wenig dokumentiert. Und diesen Kampf gab es. So haben sich 1984 über 1000 Frauen mit einer migrantischen Biografie selbst organisiert in Frankfurt zum ersten «Ausländisch-deutschen Frauenkongress» getroffen und dieses Kommuniqué verfasst:

Für uns ausländische Frauen wird es höchste Zeit, daß wir aus unserer Isolation, d. h. aus unserer Vereinsamung im täglichen Kampf gegen die Unterdrückung durch die Gesetzgebung, die Männer und am Arbeitsplatz und gegen die gesellschaftliche Diskriminierung das Schweigen brechen im Austausch untereinander, aber auch im Austausch mit deutschen Frauen. Wir wollen aber nicht ihre Maßstäbe zur Grundlage unseres emanzipatorischen Weges machen. Wir werden unsere eigenen Ziele und Formen entwickeln.

Berrin Önler-Sayan ist eine der Frauen, die den Kongress mitorganisiert und die Eröffnungsrede gehalten hat. Ohne Internet und Fax, nur durch Briefe, Telefon und Mundpropaganda haben Frauen wie Berrin und Vertreterinnen von autonomen Frauengruppen den Kongress vorbereitet. Eine großartige Selbstermächtigung und migrantische Frauenbiografien, die in der öffentlichen Wahrnehmung bis heute kaum vorgekommen sind.

Plakat des «Ausländisch-deutschen Frauenkongresses» an der Fachhochschule Nordweststadt in Frankfurt, 23. bis 25. März 1984, mit Symbol der Frau und den Themen des Kongresses: Sexismus, Krankheit, Isolation, Doppelbelastung, Asyl, Lohn, Ausländergesetz, Passzwang, Religion, Rassismus.
Veranstaltungsplakat des «Ausländisch-deutschen Frauenkongresses» von 1984

Ich habe Berrin Önler-Sayan am 10. Dezember zu einem Gespräch nach München eingeladen, um darüber zu sprechen, wie das Leben für die Frauen gewesen ist. Wie sie sich empowert haben und sich bis heute gegen Vorurteile, Benachteiligungen und Rassismus wehren. Die Schauspielerin Anne-Isabelle Zils und der Regisseur Bülent Kullukcu werden dazu in einer szenischen Lesung aus dem Theaterstück «TEUTONISTAN» von Bülent lesen. In dessen Zentrum steht die Protagonistin Selma, die als sogenannte «Gastarbeiterin» nach Deutschland gekommen ist. Das Stück erzählt von der Ankunft in der Fremde über die sprachlichen Barrieren bis zur Gegenwart rassistischer Gewalt und rechter Ideologien.

Ältere Frau im roten Pullover steht vor einer Bühne am Mikrofon, dahinter ein Screen mit junger Frau und bunter Brille sowie davor ein Mann am Tisch mit Plakaten: Theaterstück TEUTONISTAN mit Berrin Önler-Sayan.
Theaterstück TEUTONISTAN mit Zeitzeugin Berrin Önler-Sayan © Lothar Reichel

Wie lange bleibt man Gast?

Es gibt die Boomer, die Generationen X, Y, Gen Z, aktuell Alpha – 2010 bis 2024 – und Beta. Das Geburtsjahr entscheidet über die Zuordnung. Dann gibt es noch eine andere Zählung: Menschen, die in eine erste, zweite, dritte, vierte und nun auch fünfte Generation «Gastarbeiter*innen» eingeteilt werden. Auch durch Geburt, nicht das Jahr, sondern der «Abstammung». Offiziell gehöre ich zur zweiten Generation, da mein Vater zur ersten gehört. Meine älteste Schwester gehört auch zur zweiten Generation, hat jedoch andere Erfahrungen machen müssen als ich und mir den Weg bereitet, mich selbst nicht als «Gastarbeiterkind» zu fühlen.

Meine Tochter, die in den 2000er-Jahren geboren wurde, ist also offiziell die dritte Generation. In anderen Familien sind Kinder dieser Jahrgänge teils auch schon die vierte Generation. Daran sieht man, wie absurd das Ganze ist. Sie können nicht einfach Deutsche sein.

Im besten Fall, also wenn sie sich nach Meinung der Mehrheitsgesellschaft wirklich integriert haben – nicht nach der Definition des Statistischen Bundesamts –, sind diese Menschen noch etwas Drittes: Deutsche*r mit Migrationshintergrund. So werden auch Kinder eingeordnet, die der dritten, vierten und fünften Generation angehören.

Wie absurd diese Zuschreibung überhaupt ist, zeigt sich an meiner Tochter. Bei ihrer Geburt hatte sie, laut Definition, einen doppelten Migrationshintergrund. Einerseits durch mich, obwohl ich in Deutschland geboren bin, aber auch durch meine Partnerin, die selbst keinen Migrationshintergrund hat. Weil sie aber nicht in Deutschland geboren wurde, hat sie unserer Tochter diesen «mitgegeben».

Mittlerweile wurde die Definition des Statistischen Bundesamts im Rahmen einer «Typisierung des Migrationshintergrundes» geändert, sodass sie nun «leichter verständlich» sei. Jetzt hat meine Tochter nur noch durch mich einen Migrationshintergrund. Meine leichteste Elternaufgabe.

Ich – oder andere Menschen einer dieser zweiten bis fünften Generation – beschäftigen sich nicht freiwillig damit. Aber von außen, von der Gesellschaft und dem Kunstbetrieb, wird erwartet, dass wir uns mit den Themen «Gastarbeiter» und Migration auseinandersetzen. Meist wird man auch nicht als deutscher Regisseur*in/Autor*in/Fußballspieler*in usw. bezeichnet, sondern ist deutsch-sonstirgendeinland. Schön ist auch die Kategorie der (post-)migrantischen Literatur, egal, worum es inhaltlich in dem Werk geht.

Wozu gibt es diese Zuschreibung? Gibt es eine künstlerische Verpflichtung, sich mit den vorherigen Generationen auseinanderzusetzen? Und wie beeinflussen solche Zuschreibungen das eigene künstlerische Schaffen? Darüber spreche ich mit der Autorin Özlem Özgül Dündar im Rahmen einer Lesung. Wie hat sie ihre eigene künstlerische Identität gefunden – unabhängig von den Zuschreibungen durch die «Abstammung»? Und warum hat sie sich dafür entschieden, einen Essay über die erste Generation sogenannter «Gastarbeiter*innen» zu schreiben?

Vielleicht führt mich das Gespräch auch wieder zu dem zurück, womit vieles für mich angefangen hat: das Reden. Inzwischen interessiert mich mindestens genauso sehr, was passiert, wenn ich aufhöre zu reden und jemand anderen zum Sprechen bewegen kann. Und vielleicht komme ich meiner Mutter genau dort am nächsten: wenn ich zuhöre.

Porträt eines 54-jährigen Mannes mit grauem Haar und warmen Blick, vor einem ornamentalen Gitter und heller Außenkulisse: Karnik Gregorian.
Karnik Gregorian © Lothar Reichel

Alle Veranstaltungen der Schreib-Residency von Karnik Gregorian im Überblick

6. Oktober 2026 – Das geschenkte Schweigen
Kommentierte Vorführung von Karnik Gregorians Dokumentarfilm «Die Gerichte meines Vaters» mit Margrit und Karen Gregorian
19 Uhr | Eintritt frei

10. Oktober 2026 – Workshop: Familiengeschichten erfragen
Karnik Gregorian lehrt journalistische Interviewtechniken und seine Erfahrungen, wie man mit Verwandten ins Gespräch über lange Verschwiegenes kommen kann.
11–16 Uhr | Eintritt frei
Anmeldung: monacensia.programm@muenchen.de

24. November 2026 – Wie lange ist man Gast?
Lesung und Gespräch mit Özlem Özgül Dündar und Karnik Gregorian
19 Uhr | Eintritt frei

10. Dezember 2026 – Fiktion und Zeitzeuginnenschaft: «TEUTONISTAN» im Dialog mit Berrin Önler-Sayan
Szenische Lesung aus dem Theaterstück «TEUTONISTAN» mit Anne-Isabelle Zils und Bülent Kullukcu sowie Gespräch mit der Zeitzeugin Berrin Önler-Sayan.
19 Uhr | Eintritt frei

Konzept und Moderation: Karnik Gregorian

*Die #SchreibResi 2026 wird gefördert durch die Richard Stury Stiftung.


Zitierempfehlung:
Karnik Gregorian, «Schreib-Residency mit Karnik Gregorian: Sprechen, Zuhören und die Lebensgeschichten von ‹Gastarbeiterinnen›», in: MON Mag – Das Online-Magazin der Monacensia, 19.8.2026, URL: https://mon-mag.de/schreib-residency-karnik-gregorian/, ISSN 2944-3776.

Autor*innen-Info

Profilbild Karnik Gregorian

Dies ist ein Gastbeitrag von Karnik Gregorian

Karnik Gregorian ist Journalist, Autor, Dokumentarfilm- und Theaterregisseur. Seine Arbeiten entstehen aus intensiver Recherche und im engen Austausch mit Menschen, ihren Geschichten und Haltungen. Als freier Journalist und Autor schrieb er u. a. für das SZ Magazin, die Frankfurter Rundschau und sueddeutsche.de und realisierte Dokumentarfilme für ZDF/3sat, BR und WDR. Als Theaterregisseur arbeitet er u. a. an den Münchner Kammerspielen, der Schauburg und am Maxim Gorki Theater. Sein Dokumentarfilm «Die Gerichte meines Vaters» gewann Festival-Preise in San Francisco, Jerewan und Stuttgart; für «Weiß Gott wann» an den Münchner Kammerspielen wurde er 2015 mit dem Preis der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung ausgezeichnet. © Lothar Reichel.

Beitrag teilen

Facebook
WhatsApp
X
Pinterest
LinkedIn
Reddit
Email
Print
Facebook

Empfohlene Beiträge

2 Kommentare

  1. Persönliche Gedanken und Dank zur Veranstaltung „Das geschenkte Schweigen“
    von Karnik Gregorian und seinen Schwestern, 6. Oktober 2026, Monacensia
    Als Besucherin der Veranstaltung „Das geschenkte Schweigen“ von Karnik Gregorian und seinen Schwestern möchte ich meinen herzlichen Dank und meine große Anerkennung für die Offenheit und den Mut aussprechen, mit denen die Familie ihre sehr persönliche Geschichte mit dem Publikum geteilt hat.
    Bedauerlicherweise habe ich den Film noch nicht gesehen. Gerade deshalb hatte ich die Hoffnung, durch die Veranstaltung noch etwas mehr über die armenische Herkunft und Sozialisation der Familie Gregorian zu erfahren, insbesondere darüber, wie die Geschichte der Eltern als Armenier in der Türkei ihre spätere Familiengeschichte, ihr Verhältnis zur eigenen Herkunft und letztlich auch die Atmosphäre des Schweigens innerhalb der Familie geprägt haben.
    Besonders nachdenklich gemacht hat mich die Frage, welche Erfahrungen und möglicherweise auch welche Traumata die Eltern als Armenier in der Türkei bereits in sich trugen, als sie Anfang der 1960er-Jahre nach Deutschland kamen. Der Vater kam 1961 als Gastarbeiter nach Deutschland, die Mutter folgte 1962. Hinter dieser Migration stand vermutlich nicht nur die Hoffnung auf ein wirtschaftlich besseres Leben, sondern vielleicht auch der Wunsch nach einem Neuanfang in einem anderen Land und möglichst weit entfernt von den Erfahrungen, die sie in der Türkei gemacht hatten.
    Dabei musste ich auch an die Generation der Großeltern der Familie Gregorian denken: Wie haben sie den Völkermord an den Armeniern von 1915 bis 1916 im Osmanischen Reich überlebt? Welche Erfahrungen und Traumata wurden möglicherweise innerhalb der Familie von einer Generation an die nächste weitergegeben? Wo genau lebten die Vorfahren der Familie? Waren sie von Deportationen betroffen? Mussten sie Todesmärsche, Hunger, Krankheit und Entkräftung ertragen? Gab es in der Familiengeschichte Erfahrungen von Verschleppung oder Zwangsassimilation? Diese Fragen wurden während der Veranstaltung für mich nicht vollständig beantwortet, sind aber gerade deshalb in mir zurückgeblieben. Sie machen mich neugierig darauf, welche Geschichte möglicherweise hinter dem Schweigen der Familie liegt.
    Karnik Gregorian erwähnte, dass die in der Türkei verbliebenen Armenier auch nach dem Ersten Weltkrieg über lange Zeit mit Ausgrenzung und schwierigen Lebensbedingungen konfrontiert waren, und sprach auch von Jahren der Verbannung. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das Schweigen in der Familie bereits vor dem Tod der Mutter eine Atmosphäre geprägt hatte. Das hat mich besonders beschäftigt. Ich fragte mich, ob dieses Schweigen der Eltern möglicherweise auch eine Form des Selbstschutzes gewesen sein könnte, ein Versuch, schmerzhafte Erfahrungen nicht weiterzugeben, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich auf den Aufbau eines neuen Lebens zu konzentrieren. Vielleicht war es für die Eltern einfacher, über bestimmte Dinge nicht zu sprechen, weil das Schweigen ihnen erlaubte, im Alltag weiterzumachen.
    Die Migration nach Deutschland stelle ich mir als einen tiefen Einschnitt vor. Die Eltern kamen in ein fremdes Land, mussten sich sprachlich und gesellschaftlich orientieren, eine neue Existenz aufbauen und gleichzeitig ihre Familie versorgen. Sie mussten lernen, in einer neuen Gesellschaft zu leben, während ihre eigene Geschichte und Identität weiterhin in ihnen vorhanden waren. Darin liegt für mich eine besondere Tragik: Man verlässt einen Ort, an dem man sich aufgrund der eigenen Herkunft möglicherweise nicht vollständig zugehörig oder sicher fühlen konnte, und kommt an einen neuen Ort, an dem man wiederum erst eine neue Form von Zugehörigkeit entwickeln muss. Dabei stellt sich die grundlegende Frage: Wie bewahrt man die eigene Identität, wenn man in einer neuen Gesellschaft ankommen möchte? Wie viel von der eigenen Kultur, Sprache und Geschichte kann und will man bewahren – und was geht im Prozess des Ankommens vielleicht verloren?
    Gerade für die Kinder der Familie Gregorian muss diese Situation besonders komplex gewesen sein. Im Kindergarten und in der Schule wurde Deutsch gesprochen, während zu Hause offenbar mehrere Sprachen nebeneinander existierten: Deutsch, Türkisch und Armenisch. Diese Mehrsprachigkeit empfinde ich nicht nur als sprachliche Besonderheit, sondern als Ausdruck einer sehr komplexen Familienidentität. Mich hätte deshalb sehr interessiert, welchen Zugang die Kinder zur armenischen Kultur und zur armenischen Gemeinschaft in Deutschland hatten. Gab es welche? Wurde die Familie in Ulm, Stuttgart oder München Teil einer armenischen Community? Der Vater schon, aber die Kinder? Gab es Kontakte zu anderen armenischen Familien, zur armenischen Kirche, zu Vereinen oder kulturellen Einrichtungen? Welche Rolle spielte die armenische Sprache im Alltag der Familie? Und vor allem: Wie wurde die armenische Identität innerhalb der Familie an die Kinder weitergegeben?
    Ich hätte mir an dieser Stelle etwas mehr Informationen über die armenische Kultur gewünscht, darüber, welche Traditionen, Werte, Bräuche oder Erinnerungen in der Familie bewahrt wurden. Mich würde auch interessieren, ob der Vater nach dem Tod der Mutter bewusst versucht hat, diese Verbindung zur armenischen Herkunft für seine Kinder aufrechtzuerhalten. Offensichtlich geschah dies zumindest teilweise auch über das Kochen armenischer und türkischer Gerichte. Gerade solche scheinbar alltäglichen Dinge können eine wichtige Form kultureller Erinnerung sein. Essen kann Herkunft bewahren, ohne dass darüber gesprochen werden muss. Ein bestimmtes Gericht, ein Geruch oder eine Zubereitungsweise kann Erinnerungen an die Familie, an die Eltern und an eine verlorene oder entfernte Heimat wachhalten. Denn kulturelle Identität wird nicht allein durch historische Erzählungen weitergegeben. Sie lebt auch durch Sprache, Essen, Musik, Religion, Rituale, Begegnungen, Familiengeschichten und alltägliche Gewohnheiten. Gerade wenn eine Familie zwischen mehreren Ländern und Sprachen lebt, stellt sich die Frage, was von einer Kultur in der nächsten Generation erhalten bleibt und was allmählich verloren geht.
    Besonders beschäftigt hat mich auch die Erkrankung der Mutter. Wie wir erfahren haben, erkrankte sie an Krebs. Gerade in diesem Zusammenhang fragte ich mich, welche Belastungen sie als junge Frau und Mutter möglicherweise über viele Jahre getragen hatte. Sie war in ein fremdes Land gekommen, musste sich in einer neuen gesellschaftlichen Umgebung zurechtfinden, eine Familie aufbauen und gleichzeitig mit ihrer eigenen Vergangenheit und der Geschichte ihrer Herkunft leben. Natürlich wäre es nicht richtig, eine direkte Ursache zwischen psychischer Belastung und einer Krebserkrankung zu behaupten. Eine solche Aussage wäre medizinisch nicht begründet. Dennoch beschäftigt mich die Frage, welche Rolle langanhaltender Stress, traumatische Erfahrungen, soziale Isolation und andere psychosoziale Belastungen im Leben eines Menschen spielen können. Deshalb stelle ich mir vor, ausdrücklich als persönliche und offene Frage, was die Mutter möglicherweise innerlich getragen hat: die Erfahrungen ihrer Vergangenheit, die Migration, die Anpassung an eine fremde Umgebung, die Verantwortung für die Familie und vielleicht auch das Gefühl, Teile der eigenen armenischen Identität im Alltag zurücklassen zu müssen.
    Was macht ein Mensch mit all dem, was er nicht aussprechen kann? Was geschieht mit einer Frau, die gelernt hat zu funktionieren, sich anzupassen und für andere da zu sein, während ihre eigenen Ängste, Verluste und Sehnsüchte möglicherweise kaum Raum bekommen? Ich möchte damit keinesfalls behaupten, dass die Krankheit der Mutter durch Migration, psychische Belastungen oder den Verlust kultureller Identität verursacht wurde. Dafür gibt es keine Grundlage. Aber als menschliche Betrachtung finde ich diese Frage dennoch sehr bewegend. Vielleicht war das Schweigen in der Familie auch eine Überlebensstrategie. Man steht morgens auf, geht zur Arbeit, kümmert sich um die Kinder, organisiert den Alltag und macht weiter. Das Funktionieren kann in schwierigen Lebenssituationen zunächst Halt geben. Doch das, was unausgesprochen bleibt, verschwindet nicht unbedingt. Es kann über Jahre in einer Familie weiterwirken. Die Mutter kam 1962 nach Deutschland, arbeitete in Schichtarbeit bei Bosch, gestorben ist sie 1976, d.h. 12 Jahre Deutschland.
    Besonders berührt hat mich deshalb der Tod der Mutter. Drei Kinder waren noch relativ jung, als sie ihre Mutter verloren. Man kann sich vorstellen, wie schwer es für sie, aber auch für den Vater gewesen sein muss, gleichzeitig seinen eigenen Schmerz über den Verlust seiner Frau zu bewältigen und für seine Kinder weiter funktionieren zu müssen. Vielleicht hatte er nicht die Kraft, seinen Schmerz und den Verlust mit den Kindern zu besprechen. Vielleicht fehlten ihm auch die Worte. Vielleicht war er selbst in einer Generation aufgewachsen, in der über Schmerz, Trauma, Verlust und Gefühle nicht gesprochen wurde. So kann Schweigen zunächst Schutz bedeuten und gleichzeitig später zu einer großen Last werden. Der Vater musste möglicherweise zwei Aufgaben gleichzeitig erfüllen: Er musste selbst trauern und zugleich für seine Kinder stark sein. Vielleicht war das Weiterfunktionieren seine Art, die Familie zusammenzuhalten. Doch gerade dadurch konnte etwas entstehen, das sich über Jahre fortsetzte: eine Familie, in der viel empfunden, aber wenig ausgesprochen wurde.
    Das macht für mich den Titel „Das geschenkte Schweigen“ besonders eindringlich. Schweigen kann ein Geschenk sein, wenn es jemanden vor einer schmerzhaften Wahrheit schützen soll. Es kann aber ebenso eine Last werden, wenn dadurch Erfahrungen nicht verarbeitet und Gefühle nicht geteilt werden können. Vielleicht ist Schweigen manchmal beides zugleich: Schutz und Gefängnis. Die Geschichte der Familie Gregorian lässt sich für mich deshalb nicht nur als eine persönliche Familiengeschichte verstehen. Sie berührt größere Fragen: Was bedeutet Migration? Was bedeutet es, seine Heimat zu verlassen? Was geschieht mit einer kulturellen Identität, wenn eine Familie in einer neuen Gesellschaft lebt? Wie werden historische Erfahrungen von einer Generation an die nächste weitergegeben? Und was passiert, wenn die Weitergabe nicht durch Erzählungen, sondern gerade durch Schweigen erfolgt?
    Besonders interessant finde ich dabei die Verbindung zwischen der Geschichte der Eltern und der Identität der Kinder. Die Eltern kamen als Menschen mit einer eigenen Geschichte nach Deutschland. Die Kinder wuchsen bereits stärker in der deutschen Gesellschaft auf. Sie gingen in deutsche Kindergärten und Schulen und bewegten sich selbstverständlich in einer deutschen Umgebung. Gleichzeitig gab es zu Hause Türkisch, Armenisch und Deutsch. Damit entstand vermutlich eine Identität, die nicht eindeutig nur einer Kultur zugeordnet werden kann. Vielleicht war genau dieses Dazwischen für die Kinder eine Herausforderung – aber möglicherweise auch eine besondere Stärke. Mich beschäftigt dabei die Frage, ob die Kinder erst später im Leben begonnen haben, die Geschichte ihrer Eltern und ihre armenische Herkunft wirklich zu verstehen. Manchmal braucht es eine gewisse Distanz oder sogar einen Verlust, bevor man beginnt, nach der eigenen Herkunft zu fragen.
    Vielleicht ist genau das auch ein Grund, warum die Geschichte heute erzählt werden kann: Eine jüngere Generation beginnt, Fragen zu stellen, die vorher nicht gestellt werden konnten.
    Ich bewundere deshalb sehr die Offenheit von Karnik Gregorian und seinen Geschwistern. Über die eigene Familie, die eigene Mutter, den Verlust, das Schweigen, die schwierigen Lebenssituationen und die eigenen Fragen nach der Herkunft öffentlich zu sprechen, erfordert Mut. Dafür habe ich großen Respekt. Gleichzeitig hätte ich mir gewünscht, noch etwas mehr über die armenische Seite der Familiengeschichte zu erfahren: über die kulturellen Wurzeln der Eltern, über ihre Erfahrungen in der Türkei, über die armenische Gemeinschaft in Deutschland und darüber, wie viel von dieser Identität innerhalb der Familie bewahrt werden konnte.
    Vielleicht ist genau diese Frage für mich eine der wichtigsten, die von der Veranstaltung zurückbleibt: Was bleibt von einer Identität, wenn man seine Heimat verlässt, wenn man mehrere Sprachen spricht, wenn man sich an eine neue Gesellschaft anpasst und wenn vieles aus der Vergangenheit nicht erzählt wird?
    Und vielleicht lautet eine weitere Frage: Kann das Schweigen einer Generation von der nächsten Generation gebrochen werden, nicht um die Vergangenheit wiederzubeleben, sondern um sie endlich verstehen und in die eigene Identität integrieren zu können?

    Ich empfinde die Geschichte der Familie Gregorian deshalb als weit mehr als eine persönliche Familiengeschichte. Sie erzählt von Migration, Verlust, Anpassung, Identität, Erinnerung und der schwierigen Weitergabe von Geschichte innerhalb einer Familie. Vor allem aber zeigt sie, dass hinter dem Schweigen oft sehr viel verborgen liegt. Ich danke der Familie Gregorian sehr herzlich dafür, dass sie dieses Schweigen sichtbar und hörbar gemacht hat. Danke für den Mut, die eigene Geschichte zu teilen. Danke für die Offenheit. Und vor allem: alle Achtung vor der Entscheidung, über das zu sprechen, worüber in der Familie so lange geschwiegen wurde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Weitere Beiträge

Newsletter

Mit unserem monatlichen Newsletter seid ihr stets über die aktuellen Veranstaltungen, Themen und Artikel aus dem MON_Mag der Monacensia auf dem Laufenden.

Wir freuen uns auf euch!



Anmelden